Volker H. Schendel – Vitamin D Research - Freier Wissenschaftsjournalist - http://www.urlaub.astrologiedhs.de/3.html

Wouter J. Hanegraaff : Esotericism and the Academy: Rejected Knowledge in Western Culture

http://www.amazon.co.uk/Esotericism-Academy-Rejected-Knowledge-Western/dp/0521196213/ref=la_B001JOKDBM_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1380807036&sr=1-3

http://derstandard.at/1371170547358/Das-Goldene-Brett-fuer-pseudokritisches-Denken
http://derstandard.at/1371171263968/Esoterik-Wissenschaft-und-Kritik

http://brightsblog.wordpress.com/2013/07/03/osterreich-esoterik-wissenschaft-und-kritik/

Esoterik an der Wiener Universität
http://derstandard.at/1371169859668/


„Esoterik hat hierzulande die gesamte Gesellschaft durchdrungen und längst die akademische Ebene erreicht. Beispiele aus der Praxis

Seit mehr als einem Jahrzehnt thront die Esoterik an der sozialwissenschaftlichen Universität Wien, genauer am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie (KSA). Das ist überwiegend ein Verdienst von Dr. Manfred Kremser. Er hat 2001 eine außerordentliche Professur am KSA erhalten, als er bereits Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Parapsychologie und Grenzbereiche

Fahrlässige Unwissenschaftlichkeit

Im März dieses Jahres ist Manfred Kremser verstorben, und im Nachruf des Instituts ist zu lesen, er habe die Ethnologie neu "auf außerwissenschaftliche Berufsfelder" orientiert und bei Abschlussarbeiten "Themen, die manche von uns Kollegen gelegentlich irritierend fanden", ermöglicht. Eine noble Umschreibung für fahrlässige Unwissenschaftlichkeit: Kremser beeinflusste Studenten mit esoterischen Ideen und sammelte gleichgesinnte Lektoren um sich – so ist gleichsam ein "Wiener Hogwarts" entstanden.

Kremsers Credo, gesprochen im März 2009 beim Quellwasser Festival "Aqua anthropos" im Völkerkundemuseum: "Wenn es gelänge, Geheimwissen mit dem wissenschaftlichem Wissen zu verbinden, dann glaube ich, könnten wir eine ganzheitliche Sicht der Welt haben."
"Reifes" Wasser

Schon im Jahr 2006 wurde von Kremser die Diplomarbeit "Land der Berge – Land des Wassers" von Andreas G. abgenommen. Darin schreibt der Diplomand u.a., heilige Quellen hätten "meist reifes Wasser"; dieses weise einen hohen Anteil an kristallinen Strukturen auf; die Brücken zwischen den Molekülen (Cluster-Bildung) wären zwanzigmal so fest wie bei anderen Wässern, ja, reifes Wasser verhindere sogar das Wachstum von Keimen.
"Aussagekräftiges" Wünschelrutengehen

Hydrologen würden beim Lesen dieser Behauptungen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen – all das widerspricht wissenschaftlichen Erkenntnissen. Andreas G., der seine Arbeit "allen Wasserwesen" widmet, übernimmt ohne jede kritische Distanz die fragwürdige These des selbsternannten "Wasserforschers" Viktor Schauberger, dass keimfreies Leitungswasser gesundheitsschädlich sei; vom japanischen Esoteriker Masaru Emoto die Falschbehauptung, dass Wasser "Informationen" von Worten, Musik, Gefühlen und Bewusstsein speichert; und er glaubt das Wünschelrutengehen sei aussagekräftig.

Er behauptet heilige Quellen "entspringen an Energie geladenen Plätzen und transportieren die Kraft der Erde in die Welt". Und er vermutet: "Vielleicht hatten unsere Vorfahren auch Möglichkeiten zur Messung von Kraftorten, die heute verloren gegangen sind", womit sich seine "Forschung" in esoterischen Spekulationen verliert. Eben: Geheimwissen!
Das widerspricht dem Qualitätsprofil der Universität

Und das, was nicht anders als als ganzheitlicher Irrtum bezeichnet werden kann, wurde mit einem Diplom ausgezeichnet. Das widerspricht dem Qualitätsprofil der KSA, das unter anderem das "Know-how für Recherche, Datenerhebung und kritischen Umgang mit den Quellen" vermitteln, sowie "die Fähigkeiten zum selbständigen wissenschaftlichen Arbeiten und analytische Fertigkeiten" lehren will.

Der kritische Umgang mit Quellen und Recherche-Know-how ist allerdings auch in folgenden Beispielen nicht zu finden, die sich intensiv mit dem Thema Schamanismus beschäftigen. Dabei werden zwar die allgemein üblichen Werkzeuge der Anthropologie angewendet, doch allzu oft scheint das eigene Erleben der eigentliche "wissenschaftliche" Zugang zu sein, und vielfach wird die Perspektive der Schamanen, der "Forschungsobjekte", eingenommen und ihr Glaubenssystem unhinterfragt übernommen.
Geister, Schamanen und anderes Außersinnliche

Im Jahr 2008 hat etwa Karin G. über "das Unsichtbare im Schamansimus" gearbeitet und vertritt in ihrer Diplomarbeit die Ansicht, dass die Welt der Geister real sei und Schamanen eine übernatürliche, "extrasensorische" Wahrnehmung (ESP) hätten. Nun, die Parapsychologie forscht seit 120 Jahren über ESP – eine haltbare Aussage darüber ist ihr jedoch noch nicht gelungen. Als Beleg für das "Außersinnliche" berichtet die Autorin von einem Foto, das ein Tamu-Schamane bei einer Seance geknipst hatte.

Auf der Nachtaufnahme seien helle Lichtspuren zu sehen, die der Schamane selbst als Abbildung von Geistern interpretiert. Karin G. zieht den Schluss, dass Schamanen tatsächlich "subtile Energie" wahrnehmen und beeinflussen sowie mit den Geistern konkret kommunizieren könnten. Und dass es sich dabei "vermutlich mehrheitlich um Geheimwissen handelt". Voilà! Die Diplomandin postuliert auch, dass die eigene persönliche Erfahrung (Hervorhebung im Original) die einzige Möglichkeit des Zugangs zum Unsichtbaren und zu dem anderen Wissen sei. Zweifelsohne eine "ganzheitliche Weltsicht"!
Wo Yoga "mehr" kann

Geradezu ein esoterisches Glaubensbekenntnis ist die völkerkundliche Diplomarbeit von Anna Maria N., ebenfalls von a.o. Prof. Manfred Kremser angenommen. Der Titel des Werks über hinduistisches Pilgern enthält zugleich ihre "wissenschaftliche" Position: "In Kashi the Earth speaks". Die Diplomandin selbst sieht die Erde als lebendiges Wesen an, das zu Menschen im erleuchteten Zustand (Kashi) spricht. Durch Yoga könnten Menschen – wie sie meint – übernatürliche Wahrnehmung erreichen und die "Energie" und Botschaften eines heiligen Platzes aufnehmen. Wie diese Hindutradition sei auch die moderne Geomantik ein Produkt „of a deeper contact and communication of Human and place."

Dass die Radiästhesie längst wissenschaftlich widerlegt ist, kümmert sie nicht. Es fehlt hier jegliche Distanz zum untersuchten Objekt: Religiöse Konzepte werden nicht wissenschaftlich untersucht, sondern schlicht für wahr genommen – etwa so wie Kreationisten vorgehen, wenn sie die biblischen Erzählungen wörtlich nehmen und für real erklären.
Astrologie in Tibet

Ähnliches gilt für "Symbole der Heilung", die Diplomarbeit von Christian M., für die der Autor tibetische HeilerInnen in der Diaspora Dharamsala aufsuchte: "Ob es sich um den Einfluss von gesundheitlichen Hindernissen im Verlauf des Jahres, übelwollende Geister, bis hin zu karmisch bedingten Krankheiten handelt, welche auf keine Therapie ansprechen, die Medizinastrologinnen versuchen mittels kosmischer Gesetze eine Lösung zu finden", schreibt der Autor und übernimmt das tibetische Weltbild, ohne zu hinterfragen.

"Selbst den kosmischen Beistand konnte ich nach meiner Reise erkennen ... Astrologie begleitet unser Leben auf Schritt und Tritt. Auch wenn wir es nicht immer sehen, verleugnen lässt sie sich nicht." Was immer das heißen mag. Der Autor nennt Astrologie eine "mathematisch sehr anspruchsvolle Wissenschaft" und meint, man könne diese und die Astronomie "als unterschiedliche Berechnungsmodelle ansehen." Ist ein akademischer Grad für solche Fehleinschätzung tatsächlich gerechtfertigt? Astronomen, die das lesen, wären - verwundert.
Alpenschamanismus

Auch StudentInnen, die weniger stark indoktriniert sind, zollen der esoterischen Haltung des Instituts Tribut: So hat Helene B. in ihrer Diplomarbeit über "Alpenschamanismus", die etwa 100 Neoschamanen im Alpenraum erfasst und die Methoden so mancher von ihnen untersucht: Sie kombinieren alte Bräuche und Mythen mit importierten Ideen und neu erfundenen magischen Riten: Jodeln zum Aufruf der Vier Winde, Trommeln im Bauch der Mutter Erde, Kraftortwanderungen durch alles Seiende, das beseelt gedacht wird – laut Autorin ein "Gemischtwarenhandel". Im Resümee macht sie jedoch unvermittelt einen Schwenk, bezieht sich auf fragwürdige Autoren und meint: "Der Weg zurück zur Natur ist...in unserer ...rationalisierten Zeit notwendig[er]...– auch wenn dies mit einer neuartigen Form von Schamanismus passiert."
Familienstellen nach Hellinger

Ganz im Trend liegt dagegen die Diplomarbeit von Romina L. aus dem Jahr 2011. Darin geht es um den Vergleich der Arbeit dreier Schamanen in Österreich, deren Arbeit die Diplomandin miterlebt hat, mit der Methode des Familienstellens nach Hellinger. Letztere bekannte Pseudo-Psychotherapie lernte die Autorin in einem Ausbildungsgang (!) im WIFI, dem Weiterbildungsinstitut der Wirtschaftskammer, kennen. Abgesehen von der schlampigen Sprache der Arbeit, enthält diese inhaltlich untragbare Fehler.

Auch Romina L. untersucht und analysiert ihre"Forschungsobjekte" nicht, sondern übernimmt völlig unkritisch deren Sicht der jenseitigen Dinge: Etwa dass Schamanen "tatsächlich" mittels Trancezuständen und Ritualen auf eine existente Geisterwelt zugreifen könnten. Dass sich "auf feinstofflicher Ebene eine Transformation vollzieht". Eine Erklärung, was "feinstofflich" bedeuten soll, bleibt sie schuldig. Im Abschnitt "Wissenschaftlicher Erklärungsversuch" zitiert sie fragwürdige Autoren und abstruse Ideen, etwa, dass das "menschliche Bewusstsein im Austausch mit der Quantenwelt steht". Oder meint, esoterisch-nebulos: "Treffen Gehirnfunktionen und Bewusstsein aufeinander.....kann laut der Standardtheorie Materie entstehen." Solches zu lesen müsste Physiker und Biologen die Haare zu Berge stehen lassen.

Die Autorin hinterfragt auch nicht die vielkritisierte Methode Hellingers, bei der Stellvertreter angeblich eins zu eins abwesende Familienmitglieder repräsentieren und deren Gedanken und Gefühle spüren könnten, was über das so genannte "morphische Feld" - eine Vermutung des Biochemikers Rupert Sheldrake - möglich sein soll. Diese Theorie ermangelt allerdings jeglicher wissenschaftlichen Grundlage. Aber die Autorin regt sogar an zu untersuchen "ob das morphische Feld durch einen veränderten Bewusstseinzustand zugänglich gemacht" werden kann.

Quantenphysiker, Biologen und Psychologen müssten beim Lesen Gänsehaut bekommen.
AIDS-Leugner

Prof. Kremser hat seine Jünger erfolgreich im Wissenschaftsbetrieb untergebracht. Auch die so genannte "Awareness Research Group" muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden. Einige ihrer Mitglieder arbeiten berits als Lektoren am Institut und übernehmen sogar Pflichtveranstaltungen. So wurde Veronica F. noch vor Abschluss ihrer Dissertation als Lektorin etabliert. Schon in ihrer Diplomarbeit aus 2007 ("MeditatHIVe Praxis der Heilung"), bei der es um die AIDS-Problematik in Thailand geht, zitiert F. kritiklos Behauptungen von AIDS-Leugnern, bezieht sich auf Esoteriker wie Rüdiger Dahlke und Dr. Bach, dessen „Blüten-Therapie" als Placebomethode entlarvt ist; und sie nimmt U Shein, einem Weikza – so werden in Burma Magier, Wahrsager und Alchemisten genannt –, gläubig ab, Quecksilber in Gold zu verwandeln und damit nahezu alle Krankheiten heilen zu können! Sie vertritt die – absurde – Ansicht, dass dies auch mit Meditation gelänge, und dass es wohl keine unheilbaren Krankheiten gebe. Wenn Mediziner diese Arbeit zu Gesicht bekämen, wären sie – sehr irritiert.

Auch mit ihrer Dissertation ("A quest for transpersonal ways of knowing in anthropology of religion and consciousness"), die sich mit der burmesischen Haltung zu "Heilung, Rettung und Erkenntnis" befasst, ist eindeutig eine Grenze überschritten: Da nimmt die Autorin, fasziniert von seinem Ruhm, zu dem burmesischen Magier und Sektenführer Bo Min Gaung, der angeblich seit Jahrhunderten in verschiedenen Körpern lebt, Kontakt auf. Mit "seiner Unterstützung und unter seiner Leitung" und mit ihrem Pendel (!) erfährt sie, wie sie recherchieren und die Dissertation schreiben soll (!).
Alchemie

Sie berichtet wiederum gläubig, wie der Alchemist U Shein Quecksilber in Gold verwandelt und zu Medizin verarbeitet. Darüber hinaus nimmt sie die Geomantik für wahr zitiert den britischen Radiästhesieverband als Quelle. Nun, die Autorin ist der Meinung, "dass Erkenntnis und wirkliche Einsicht nur passieren kann jenseits des rationalen Geists." Deshalb meditiert und "chantet" sie, um zu erkennen, "was die wahre Natur der Dinge ist, hinter all dem Ego, hinter all dem diskursiven Gequatsche, das mein Geist jeden Tag von sich gibt (!), und hinter all den materiellen Formen..." F. übernimmt die Weltsicht der Burmesen, und "Forscherin, das Erforschte und der Akt des Forschens verschmelzen zu einer Einheit ....ich werde mein eigenes Forschungssubjekt": Das Credo der esoterischen Abteilung in der KSA. F. will ein „holistisches Bild" liefern, um den „LeserInnen ein Gefühl der untersuchten Phänomene zu vermitteln" (Hervorhebung im Original). Aber die Autorin ahnt auch: "Die Menschen werden mich für verrückt halten".

Und sie riskiert es: F. wohnt Heilungs-Zeremonien bei und fühlt fasziniert, dass dabei verschiedene Geistwesen, Weikzas und sogar Buddha selbst anwesend seien. Als Beweis legt sie Fotos vor, auf denen helle Flecken zu sehen sind, und sie ist überzeugt, dass diese die Geistwesen und Buddhas Anwesenheit zeigen. Wenn Fotografen diesen Text zu Gesicht bekämen, suchten sie vielleicht Wassertropfen oder Staub auf dem Objektiv.

Es ist skandalös, dass solches als wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des Doktorgrades (!) angenommen wird, schließlich mussten neben dem "Doktorvater" Kremser weitere Prüfer den Inhalt akzeptieren. Die Zielvorgabe des Instituts verlangt von den Absolventen "vom eigenen kulturellen Hintergrund zu abstrahieren." Offenbar gelingt es der Autorin nicht, denn sie vermengt die burmesischen Vorstellungen mit ihrem eigenen, typisch westlichen Esoterik-Weltbild.

Kremser hielt das Werk allerdings für hochwertig. Frau F. hatte schon bei Lehrveranstaltungen Fotos von ihrer Feldforschung gezeigt, auf denen sich, wie sie meint, Energien und Energieströme abbilden. Sie konnte Workshops wie etwa "Ethnography reloaded" veranstalten, um "transpersonale Erkenntniswege" in die Anthropologie zu integrieren. Zu Deutsch: "Wir wollen einen Raum eröffnen, der ein Forschen jenseits 'objektiver' Daten- und Faktensammlung ermöglicht." Konkret bedeutet das: Im Trüben fischen. Subjektives Erleben ersetzt allgemeingültige Analyse, Esoterik akademischen Geist.
"Ich täusch mich, also bin ich"

Wissenschaft mit "transpersonaler Selbsterfahrung", aber ohne Fakten und Daten – das gibt es nicht. Wissenschaft heißt zu dokumentieren was ist, eine Hypothese aufzustellen und diese anhand von gesammelten Fakten zu überprüfen, zu bestätigen oder zu verwerfen. Das geschieht hier nicht: Nach dem Motto "Ich täusch mich, also bin ich" wird die Perspektive des Forschungsobjekts eingenommen und schlicht für wahr gehalten. Statt neuen Erkenntnissen werden veraltete Vermutungen publiziert, ja sogar himmelschreiender Unsinn. An diesem Institut werden Studenten von manchen Lehrenden esoterisch indoktriniert, statt in kritischem Denken und Hinterfragen geschult zu werden. Statt dem universitären Geist der Aufklärung agieren Geister auf dem KSA-Institut – und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Es ist zu hoffen, dass dieser "Geist aus der Flasche" wieder eingefangen werden kann. Der Rektor der kulturwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Wien ist aufgefordert, diese intellektuelle Umweltverschmutzung untersuchen zu lassen und sich von esoterischem Nonsens zu trennen.“

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Esoterik, Wissenschaft und Kritik

Gastkommentar | Thomas Schmidinger, 2. Juli 2013, 11:12

"Von der hierzulande vorhandenen Debatten(un)kultur und den tatsächlichen Verhältnissen an Universitäten

Die Debatte über die Qualität von Abschlussarbeiten und den Einfluss unwissenschaftlicher esoterischer Sichtweisen in der Wiener Kultur- und Sozialanthropologie (KSA) wäre selbst ein interessanter sozial- und kulturanthropologischer Forschungsgegenstand. Immerhin zeigt sie wesentlich mehr von der hierzulande vorhandenen Debatten(un)kultur auf als von den tatsächlichen Verhältnissen, unter denen Forschung und Lehre an der Universität Wien - und nicht nur an der KSA - stattfindet.


Kritik und Kritikabwehr

Eine völlig fachfremde Medizinjournalistin ohne Ahnung von universitären Strukturen entdeckt einige - gelinde gesagt - mehr als nur fragwürdige wissenschaftliche Abschlussarbeiten. Sie wagt es aber entweder erst einige Monate nach dem Tod des betreuenden Professors dieser Arbeiten mit einem wutentbrannten Manifest auf derStandard.at, die gesamte Wiener Kultur- und Sozialanthropologie zu attackieren, oder wurde tatsächlich - wie ihr Vereinspräsident Ulrich Berger schreibt - "erst im Frühjahr 2013 durch Insider auf das ganze Ausmaß der untragbaren Zustände aufmerksam gemacht".

Jene, die die Medizinjournalistin also darauf aufmerksam gemacht hätten, hätten demnach bis heute nicht den Mut gehabt, sich zu Wort zu melden. Die an der KSA geübte Kritik interessiert sich nicht im Entferntesten für die strukturellen und vor allem personellen Rahmenbedingungen, unter denen diese Missstände möglich waren.

Im Duktus eher als Inquisition denn als Kritik gehalten und noch dazu gegen einen sehr beliebten Professor gerichtet, der sich vom Grab heraus nicht mehr wehren kann, macht es die Autorin, die einer verbissen scientistischen Gruppierung angehört, der Institutsleitung damit leicht, diese Kritik abzuschmettern, auf die eigenen Leistungen zu verweisen und sich nicht mehr näher damit auseinandersetzen zu müssen.

Es genügt nicht, wenn Bernhard Hadolt, Wolfgang Kraus, Elke Mader und Gertraud Seiser den "Ultra-Rationalismus" und den "selbstgerechten Positivismus" der Autorin und ihrer Organisation angreifen, um damit wieder zur Tagesordnung überzugehen. Was bleibt, ist eine diffuse Rufschädigung der Universität Wien und ein Weitermachen wie bisher.

Dabei zeigt ein Blick in die von Krista Federspiel kritisierten Diplomarbeiten und Dissertationen, dass einige davon tatsächlich so gravierende Mängel aufweisen, dass es wirklich nur als schwerer Fehler betrachtet werden kann, diese anzunehmen. In diesem Zusammenhang geht es nicht nur um die von Federspiel verortete Esoterik, sondern vielfach auch um die wissenschaftliche Qualität der Arbeiten. Und dieses Problem betrifft keineswegs nur die Kultur- und Sozialanthropologie.

Strukturelle Fehlentwicklungen

Um die Gründe für solche Fehlentwicklungen analysieren zu können, wäre allerdings mehr kritische Analyse und weniger inquisitorischer Furor notwendig. Tatsächlich sind in mehreren sogenannten Massenfächern in den vergangenen Jahren Diplomarbeiten angenommen und positiv beurteilt worden, die eigentlich nicht den international üblichen wissenschaftlichen Standards genügen.

Die Gründe dafür liegen allerdings nicht primär in individuellem Versagen von Lehrenden, sondern in strukturellen Problemen. Seit Jahren sind Fächer wie die Kultur- und Sozialanthropologie, die Soziologie, die Politikwissenschaft und die Publizistik personell massiv unterbesetzt. Lehrende müssen wesentlich mehr Studierende betreuen als früher.

In meiner Studienzeit waren wir in prüfungsimmanenten Lehrveranstaltungen, also zum Beispiel in Seminaren, zehn bis zwanzig Studierende. Heute gibt es in diesen Fächern fast keine Seminare unter fünfzig Studierenden mehr. In diesen auch an den Universitäten als Massenfächer bekannten Instituten lehren ProfessorInnen, die angesichts des Sparzwangs im Bildungsbereich gleichzeitig vierzig Diplomarbeiten und zwanzig Dissertationen betreuen müssen. In einer Vierzigstundenwoche ist solch eine Arbeitsleistung nicht machbar.

An vielen Instituten - auch an der Kultur- und Sozialanthropologie - werden Diplomarbeitsbetreuungen auch an habilitierte (oder auch nicht habilitierte) LektorInnen ausgelagert, also jene Lehrenden, die ausschließlich für die von ihnen gehaltenen Lehrveranstaltungen bezahlt werden und in den allermeisten Fällen nur über Semesterverträge verfügen. Für eine Diplomarbeitsbetreuung inklusive Diplomprüfung erhalten diese LektorInnen 100 Euro (!) von der Universität Wien. Selbst wenn die Diplomarbeit nur gelesen wird, würde man damit auf einen Stundenlohn kommen, der weit unter dem jeder unqualifizierten Tätigkeit liegt, geschweige denn, wenn man das Entstehen einer solchen Diplomarbeit wirklich betreut.

Gerade auf der KSA hatten die LektorInnen übrigens versucht, um bessere Regelungen für die Diplomarbeitsbetreuungen zu kämpfen - mit sehr mäßigem Erfolg.

Diese ohnehin schon prekäre Situation spitzte sich letztes und vorletztes Jahr noch weiter zu, als in den Massenfächern die alten Diplomstudien ausliefen und plötzlich hunderte von ehemaligen Karteileichen doch noch ihren Magister machen wollten. Keines der Institute war auf diesen Ansturm ausgelegt. An einigen Instituten mussten selbst einige LektorInnen im Halbstundentakt prüfen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele der Arbeiten, die in dieser Phase abgeschlossen wurden, von ihren Erst- und ZweitbetreuerInnen gar nicht gelesen werden konnten. Dass damit auch Arbeiten durchrutschten, die niemals positiv benotet hätten werden dürfen, ist zwar skandalös, aber weniger die Schuld völlig überlasteter Lehrender als die katastrophale Folge der strukturellen Probleme an österreichischen Universitäten.

Viele der von Krista Federspiel zu Recht kritisierten Arbeiten sind in dieser Phase entstanden. Dass von Esoterik begeisterte Studierende - derer es auf der KSA nicht wenige gibt - ausgerechnet bei Manfred Kremser gelandet sind, ist zwar kein Zufall, schließlich arbeitete er jahrelang zu religionsethnologischen Themen und ließ dabei oft viel zu wenig Distanz zu seinem Forschungsgegenstand erkennen, allerdings ist es in diesem Fall besonders tragisch, da dessen schwere Erkrankung auch noch genau mit dem Zeitraum zusammenfiel, als die alten Diplomstudien ausliefen.

Esoterik an der KSA

Ein kritischer Blick auf diese Entwicklung erklärt zwar einiges, entschuldigt aber nicht alles. Die Reaktion der Institutsleitung war - im Gegensatz  zu jener von Igor Eberhard ("Das Goldene Brett für pseudokritisches Denken", derStandard.at, 25. Juni) - im Wesentlichen eine Kritikabwehr, die keinerlei Bereitschaft signalisierte, jenen Teilen von Federspiels Kritik, die durchaus berechtigt waren, nachzugehen. Diese Kritikabwehr wurde leider durch den Duktus Federspiels erleichtert. Viele, die Manfred Kremser als menschliche Ausnahmeerscheinung und guten Erzähler kannten (was ihn für Schamanismus- und Esoterik-Begeisterte wahrscheinlich zusätzlich attraktiv machte) haben sich dadurch verständlicherweise zu einer reflexartigen Abwehr der Kritik hinreißen lassen.

Den Sozialwissenschaften im Allgemeinen und der KSA im Besonderen tut diese Kritikabwehr allerdings nicht gut. Denn das Problem der Esoterikaffinität mancher Studierender und einiger weniger Lehrender ist tatsächlich ein reales. Dabei ist die Abgrenzung zwischen Wissenschaft und Religion/Esoterik leider nicht so klar und eindeutig, wie Federspiel und ihre "Gesellschaft für kritisches Denken" (GKD) dies gerne hätten.

Esoterik und religiöse Vorstellungen haben selbstverständlich nichts als Methode in der Wissenschaft verloren. Als Gegenstand der Forschung sind sie aber in einem Fach wie der KSA völlig legitim. Insofern kann man sich grundsätzlich genauso mit Alpinesoterikern beschäftigen wie mit Schamanismus. Die Frage ist nur, wie dies getan wird, nämlich aus einer sozial- und kulturwissenschaftlichen Perspektive oder aus der Perspektive eines Gläubigen. Und hier gibt es tatsächlich ein Problem, auch - aber nicht nur - unter einigen ehemaligen Studierenden Manfred Kremsers.

Jedoch ist diese Trennung von Wissenschaft und Religion/Esoterik nicht so sauber und eindeutig, wie sich dies viele von uns materialistisch denkenden Wissenschaftlern wünschen würden. Immerhin gibt es seit Beginn der europäischen Universitäten theologische Fakultäten, die aus einem Glaubenssystem heraus argumentieren, und sogar viele Naturwissenschaftler, die historisch auch mit Theorien operierten, die wir heute in den Bereich der Alchemie und nicht der Chemie, der Astrologie und nicht der Astronomie einordnen würden. Und viele Theorien neoliberaler Wirtschaftswissenschaftler erscheinen auch nicht weniger esoterisch als manche Formen des Schamanismus.

Grundsätzlich sehe ich nicht den großen Unterschied zwischen einer Dissertation über die unbefleckte Empfängnis Marias auf einer katholisch-theologischen Fakultät und der Beschäftigung eines Esoterikers mit dem Zustand irgendeines "reifen Wassers". Für mich persönlich ist ein "reifes Wasser" sogar wahrscheinlicher als eine "unbefleckte Empfängnis". Der große Unterschied ist wohl, dass eine Arbeit auf einer theologischen Fakultät explizit als religiöses Wissen verhandelt wird, also auch als solches erkannt und eingeordnet werden kann, esoterische Arbeiten an der KSA aber so tun, als handle es sich um sozial- und kulturwissenschaftliche Forschungen. Und hier gäbe es tatsächlich Bedarf, sich mit manchen Arbeiten kritisch auseinanderzusetzen.

Die Universität Wien müsste jedoch auch Rahmenbedingungen schaffen, in denen eine solche Auseinandersetzung stattfinden kann, und dafür Sorge tragen, dass die Arbeitsbedingungen in den Massenfächern so gestaltet sind, dass Diplomarbeiten und Dissertationen auch ernsthaft betreut werden können. (Thomas Schmidinger, derStandard.at, 2.7.2013)

Thomas Schmidinger ist Politikwissenschaftler und hat im Zweitfach Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Er ist Lektor an der Universität Wien, Betriebsrat und Vorstandsmitglied der IG LektorInnen."

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Das Goldene Brett für pseudokritisches Denken

Gastkommentar | Igor Eberhard, 25. Juni 2013, 15:07

Pseudokritisches Denken hat nicht nur die Universitäten, sondern auch die Medien durchdrungen. Sie lenken aber von den wahren Problemen an den Universitäten ab

Am 24. Juni ist auf derStandard.at ein Gastkommentar erschienen, der sich unter dem Titel "Mit Geisterforschung zum Doktortitel: Esoterik an der Wiener Universität" mit dem Institut für Kultur- und Sozialanthropologie und einigen der wissenschaftlichen Arbeiten dort auseinandersetzt.

Der Artikel von Krista Federspiel ist unseriös, unsauber argumentiert, polemisch, außerdem bescheiden recherchiert sowie auf persönlicher Ebene untergriffig.

1. Vom Fach hat Frau Federspiel offensichtlich keine Ahnung. Zum Beispiel gibt es keinen Fakultätsrektor, die Kultur- und Sozialanthropologie (KSA) ist Teil der Sozialwissenschaften und nicht der Kulturwissenschaften. Weder sind Schamanismus, Esoterik et cetera Lehrfach, noch werden sie unterrichtet.

2. Es wurden bei dem kürzlich verstorbenen Professor Manfred Kremser wissenschaftliche Arbeiten zu diesen Themen verfasst, mit dem Ziel einer kritischen, reflexiven und - natürlich - wissenchaftlichen Auseinandersetzung. Wie gelungen einzelne Arbeiten waren, ob sie gut oder schlecht sind und ob sie hätten approbiert werden sollen, ist eine andere Frage.

3. Über Esoterik wissenschaftlich zu forschen bedeutet nicht, Esoterik zu lehren. Auch Veronika Futterknecht unterrichtet vor allem religionsethnologische Themen. Und nein, sie bietet zumindest an der Universität keine Esoterikkurse an, vielmehr forscht sie innerhalb der ARG - Awareness Research Group, einer Forschungsgruppe für anthropologische Bewusstseinsforschung. Sie ist beziehungsweise war vor allem Assistentin am Institut für Religionswissenschaft der Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien.

4. Die Erforschung von religiös-schamanistischen Praktiken ist ein sehr kleiner Nebenbereich der KSA. Es gibt viele Bereiche, die in dem erwähnten Gastkommentar einfach unter den Tisch gekehrt werden, wie Forschungen zu Medien, Migration, Globalisierung, Gender, Arbeiten bei NGOs, Entwicklungszusammenarbeit, Konflikten, Kunst, Körpermodifikationen et cetera. In einigen davon war Manfred Kremser ebenso aktiv, und zahlreiche Arbeiten wurden darin unter seiner Betreuung abgelegt.

5. In der KSA werden verschiedene empirische und qualitative Forschungsmethoden benutzt. Diese bilden die Grundlage jeder wissenschaftlichen Auseinandersetzung und sind überprüf- und nachvollziehbar.

6. Ich habe die im Kommentar angesprochenen Arbeiten nicht gelesen und kann die Qualität beziehungsweise deren Fehlen weder bestätigen noch absprechen. Aber: Im Normalfall können einzelne Sätze oder Satzteile nicht unbedingt sinnvoll stellvertretend für eine wissenschaftliche Arbeit stehen. Ähnlich, wie ein Satz in einem journalistischen Interview auch nicht stellvertretend für ein ganzes Interview stehen sollte. Ein Satz, ein Zitat ersetzt nicht den ganzen Kontext. So zu argumentieren ist ebenfalls unwissenschaftlich. Weiter gedacht steht auch ein Randthema nicht für das ganze Fach.

7. Sollten die genannten Diplomarbeiten und Dissertationen tatsächlich mit einer schlechten oder ungenügenden Note zu bewerten sein, so bleiben sie genau das: schlechte Arbeiten von Studierenden. Vielleicht sogar peinliche. Dann muss daran gearbeitet werden, dass solche Arbeiten in dieser Form nicht mehr zustande kommen beziehungsweise angenommen werden. Hier ist die KSA sicher kein Einzelfall, wie etwa die nachträgliche, sehr negative Beurteilung der wissenschaftlichen Kompetenz unseres ehemaligen Bildungsministers Dr. Gio Hahn beweist. Dies sollte nicht als Entschuldigung für die KSA gesehen werden, überall sind Verbesserungen bei der Qualität der Betreuung von Abschlussarbeiten notwendig und möglich, sofern die dafür notwendigen Mittel bereitgestellt werden.

8. Ich bin auch sehr dafür, pseudowissenschaftliche Thesen wie die zitierten Ansätze von Sheldrake, Emoto und Hellinger zu diskutieren, zu hinterfragen und gegebenenfalls auch als Humbug zu entlarven. Prinzipiell kann dazu auch die KSA ein Hilfsmittel sein - im besten Fall als Ergänzung zu den Naturwissenschaften. Gerade diese Kooperationen waren Manfred Kremser immer wichtig, etwa in Kooperation mit der Medizinischen Universität in Wien. Dieser Aspekt seiner Arbeit wurde komplett unterschlagen.

9. Inhaltlich wird im Artikel kaum auf die Arbeiten von Manfred Kremser eingegangen, der als Wissenschaftler auch zu anderen Themen geforscht hat. Diese Forschungen kann und sollte man auch diskutieren. Er ist aber nicht der Autor dieser von Frau Federspiel zitierten Arbeiten. Aber zumindest eines sollte jedeR, der bei ihm gelernt hat, mitgenommen haben: einen kritischen Geist, um auch die eigene Position und die eigenen Ansichten gründlich zu hinterfragen. Diesen Grundsatz, der für Manfred Kremser selbstverständlich war, sollte sich auch Frau Federspiel zu Herzen nehmen.

10. Es kann keine Diskussion über einzelne WissenschaftlerInnen oder Disziplinen geführt werden, ohne auf den Zustand der Universitäten einzugehen: Die Betreuungsverhältnisse an der Uni Wien sind katastrophal. Auf einen Lehrenden kommen teilweise hunderte Studierende. Die finanzielle Ausstattung vieler Institute ist kaum gewährleistet. Die Universitäten sind seit vielen Jahren chronisch unterfinanziert. Damit ist in sehr vielen Fächern - nicht nur in der KSA ‑ eine sinnvolle Betreuung nur mit massiver Selbstausbeutung noch irgendwie möglich. Letztlich fehlen den Universitäten die Mittel, um eine sinnvolle Betreuung und Lehre zu ermöglichen. Das ist ein Versagen der Bildungspolitik.

11. Gute WissenschaftlerInnen sollten auch ihre eigene Person hinterfragen: Frau Federspiel ist Mitglied der Gesellschaft für kritisches Denken (GWUP). Auch wenn ich einige Aktionen wie das "Goldene Brett vorm Kopf" sehr schätze, der Skeptikerverein ist selbst nicht unumstritten. Dazu die Kritik von Edgar Wunder, einem ehemaligen Gründungsmitglied des Vereins: Er meinte, der Verein widme sich primär der Öffentlichkeitsarbeit für ein naturwissenschaftlich geprägtes Weltbild. (Die Details und der Verlauf der Diskussion sind auf Wikipedia nachlesbar.) In der Wochenzeitung "Die Zeit" wird diesem Verein sogar das Gebaren einer "Politsekte" unterstellt. Dazu passen der Stil und die Form dieser zum Teil untergriffigen, zum Teil unseriösen Polemik.

Meine Stimme für das "Goldene Brett vorm Kopf" 2013 hat Frau Federspiel jedenfalls. (Igor Eberhard, derStandard.at, 25.6.2013)

Igor Eberhard ist Lektor am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien und Mitglied der Initiative Teilnehmende Medienbeobachtung.